Junges Tanzhaus Berlin
→ Dance / Mediation / Choreography / Education
In an interview with Maria Ladopoulos, Livia Patrizi and Janne Gregor discuss their experiences since the opening of the Junges Tanzhaus in November 2025 and their plans for the venue’s future.
Ein Freitagnachmittag im Jungen Tanzhaus Berlin: obwohl die nächste Veranstaltung erst in vier Stunden startet, wirkt das Haus belebt. Im Garten wird geschraubt und gewerkelt: Rahmen für Pflanzenkübel werden gebaut, LUCY (der Name des neuen Cafés) wird in 3D-Leuchtbuchstaben über die Terrassentür montiert. Unterdessen erkundige ich mich bei der künstlerischen Geschäftsführung Livia Patrizi und Janne Gregor, verantwortlich für das Programm Bühne und Community, über Erfahrungen seit der Eröffnung im November 2025 und Pläne für die Zukunft des Hauses.
Maria: Was ist das Anliegen des jungen Tanzhauses?
Livia: Wir haben gerade neue Kategorien für unser Gesamtprogramm festgelegt. Tanz orchestriert hier unterschiedliche Beziehungen und Zugänge. Die fünf Kategorien sind: Anschauen, Entwickeln, Mitmachen, Mitreden und Lernen. Anschauen und Entwickeln meint die Produktionen und die Distribution von Stücken. Wir geben Künstler*innen auch die Möglichkeit in Residenzen neue Stücke zu entwickeln. Unter die Kategorien Mitmachen und Mitreden zählen Formate, die partizipativ mitgestaltet werden oder Formate, bei denen die Menschen selbst mittanzen. Und der andere große Bereich ist Lernen, worunter einerseits Tanz in Schulen fällt. Wir planen aber auch Projekte mit dem HZT und der FU für Weiterbildungen, Formate für Künstler*innen oder Lehrkräfte.
Maria: Im April 2025 seid ihr eingezogen. Im November 2025 war die Eröffnung. Ist seitdem hier auch Betrieb, wie ihr ihn euch in Zukunft vorstellt?
Livia: Jein. Wir sind noch im Aufbau. Bis November waren die Basics gelegt, der Fokus war sehr auf dem Haus. Seitdem sind wir im Aufbau der ganzen inneren Strukturen. Das Team hat sich vergrößert und wir mussten uns viele Fragen stellen: Wie arbeiten wir im Team zusammen? Welche Tools braucht es? Und auch das Haus ist noch nicht fertig. Diese Aufbauphase wird mindestens insgesamt drei Jahre dauern. Durch die hybride Herangehensweise als Produktions- und Communityort dauert einiges einfach länger. Es braucht unterschiedliche Zugänge, unterschiedliche Sprachen, Austausch mit Schulen, Choreograf*innen, dem Bezirk, den Netzwerken.
Maria: Wie baut ihr den Kontakt in die Nachbarschaft auf? Was ist in der Hinsicht schon passiert?
Janne: Das lief und läuft zunächst erstmal über die Schulen.
Livia: Durch das Projekt Tanz in Schulen, was seit 20 Jahren besteht, gibt es dort auch schon viele Kontakte.
Janne: Und jetzt sind wir dabei mit unterschiedlichen sozialen Partnern in Kontakt zu treten. Wir stehen im Austausch mit den Stadtteilmüttern Neukölln, die sehr viel Wissen über den Bezirk und enge Verbindungen in die Nachbarschaft haben. Der Plan ist auch, dass wir direkt an zentralen Orten, wie dem Hermannplatz oder den Neukölln-Arcaden, präsent werden. Wir wollen vor Ort Workshops geben oder kleine Mini-Battle-Formate abhalten, damit man sich gegenseitig kennenlernen kann. Ein Anliegen ist, dass Jugendliche Lust haben, her zu kommen und sich den Ort nach und nach ein bisschen zu eigen zu machen. Dann braucht es gar nicht immer Anleitungen oder Unterricht, sie können das Studio einfach eigenständig benutzen, zum Tanzen oder eben auch zum Rumhängen.
Zu den regulären Tanzkursen, die an zwei, bald drei Tagen der Woche stattfinden, kommen auch vor allem Kinder aus der Nachbarschaft. Wir planen Ferienprogramme, damit das in den Ferienzeiten fortgesetzt werden kann.
Livia: Ich habe so ein Bild, an dem wir noch nicht sind, aber hoffentlich irgendwann hinkommen: Von 10 bis 16 oder 18 Uhr probt die zeitgenössische Tanzszene in den Räumen. Am Nachmittag kommen die Kinder für Tanzkurse oder Projekte. Und jeden Abend, und das gibt es schon jetzt, finden urbane Sessions im Club statt. Das füllt die Räume den ganzen Tag mit verschiedenen Communities, die sich hoffentlich dann auch treffen und austauschen. Dazu kommen dann natürlich die Aufführungen und Veranstaltungen am Wochenende.
Maria: Tanz ist ja ein Begriff, der sehr viel abdeckt. Welche Tanzformen sollen hier im Haus und auch in den Kursen stattfinden? Oder richtet sich das danach, was die Kinder und Jugendlichen cool finden?
Janne: In der Theorie geht es um Balance. In der Praxis überwiegen urbane Stile, zumindest in den Kursen, im Moment noch. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Sessions schon hier stattgefunden haben, bevor das Haus eröffnet wurde und die Leute ihre Community mitbringen. Einige Kurse sind wirklich übervoll, sodass wir das Angebot ausweiten mussten. Hip-Hop und K-Pop sind gerade sehr beliebt. Andere Kurse mussten gestrichen werden, weil nicht genug Menschen kamen. Die Balance ist für mich aber nicht gestrichen, sondern braucht einfach auch seine Zeit. In den Bühnenstücken sind sehr viele verschiedene Tanzformen vertreten. Wenn es irgendwann ein Stammpublikum gibt und der Ort bekannter ist, dann wächst auch das Interesse für andere Tanzkurse.
Livia: Auch die zeitgenössische Tanzszene muss noch hier ankommen. Es soll auch ein Ort sein, den sie nutzen können. Aber solange wir kein System haben, um Probenräume günstig zu vergeben, dauert auch das noch einen Moment.
Maria: Abgesehen von den Zukunftsvisionen, die wir schon besprochen haben, was sind Pläne für das nächste Jahr und worauf freut ihr euch besonders?
Livia: Wir sind erstmal sehr glücklich, dass wir ab September unsere allererste richtige Spielzeit haben, die wir mit ein bisschen Vorlauf planen konnten. Es gibt Residenzen für die Produktion von neuen Stücken, Gastspiele, Co-Produktionen, Kooperationen etc. Wir haben auch eine Art Company aus sieben jungen Tänzer*innen, die uns während des Aufbaus sehr unterstützt haben. Sie arbeiten jetzt in allen möglichen Bereichen, wie Unterricht, pädagogische Betreuung, Organisation, Produktion mit und werden auch eigene Stücke entwickeln, die hier gezeigt werden.